Das Gespräch im Zentrum

In natürlichen, kurzen Gesprächen tauschen wir täglich mit Menschen Informationen aus. Eine Begrüssung — eine Frage — eine Antwort — ein Dank. Wie eine natürliche Konversation unter Menschen ist auch die Onlinekommunikation.

Stellen Sie sich eine Notiz an den Partner am Kühlschrank vor, die dort hängt aber gar nicht beachtet wird. Die Aufmerksamkeit des Partners wird sich nicht auf den Zettel richten, solange nicht in einem Gespräch darauf Bezug genommen wird. Denn der Zettel befindet sich ausserhalb einer natürlichen Konversation zwischen Menschen.

Beachtung finden in einem Gespräch die Inhalte, die in den Fluss der Konversation eingebunden sind. Vergessen gehen Randbemerkungen, die ohne Aufmerksamkeit geäussert wurden.

Im Web findet das Gespräch im Hauptinhaltsbereich einer Webseite statt. Im Optimalfall geht der Text in knapper, menschlicher Sprache auf die beabsichtigten Aktionen der Besucher ein. Klick für Klick folgen Antworten und Hinweise — je nach Lauf der Konversation.

Botschaften in einer Seitenspalte werden kaum wahrgenommen, wenn sie nicht direkt mit der nächsten Aktion des Besuchers im Zusammenhang stehen. Werbebotschaften in einem Teaser oder Zusatzinformationen überspringt das Auge des Betrachters höchstwahrscheinlich. Ja sogar für die Sitenavigation ist mancher Besucher blind, wie Henrik Olsen in Navigation blindness beschreibt. Untersuchungen zur Banner blindness legten nahe, dass auch die Navigation ignoriert würde.

In fact, they found that people tend to ignore any elements that are visually separated from everything else. Their findings suggest that separating navigation areas from the rest of a page may result in navigation blindness.

Im Web sollte deshalb ein Link oder eine Information nicht einfach irgendwo am Rand platziert werden. Die Hoffnung ist schwach, aller Text, der auf der Seite ist, würde dann schon gelesen. Noch eher liest der Partner den Zettel am Kühlschrank.

Dazu noch ein Beispiel: Auf der Seite der Stadtgärtnerei Zürich konnte ich im Inhaltsbereich nichts von den Öffnungszeiten der Schauhäuser lesen. Ich suchte auf mehreren Seiten und fand doch nichts. Das fühlte sich an, als stellte ich in einem Gespräche immer wieder dieselbe Frage, ohne eine Antwort zu bekommen. Geärgert habe ich mich dann als ich endlich sah, dass in der Spalte rechts die Öffnungszeiten angegeben sind.

Text vor Design

Words come before looks in web design

Gerry McGovern wiederholt in seiner neusten NewThinking-Ausgabe die umstrittene These, dass Texte auf einer Website viel wichtiger sind als das Design.

Heftig sind auf Aussagen wie diese die Reaktionen von Designern, denen das Grafische am Herzen liegt. Selbstverständlich wehren sie sich zu Recht. Ohne Form und Farben sähe das Internet heute aus wie 1989.Die Publikationen, die das Primat des Texts vertreten, sind jedoch zahlreich.

Never underestimate the importance of words on the web,

lautete der Imperativ des Artikels A Fairy, a Low-Fat Bagel, and a Sack of Hammers bei A List Apart im November 2003.

Oft zitiert wird die Eyetracking-Studie des Poynter Instituts aus dem Jahre 2000. Online-Leser schauen zuerst auf den Text und erst dann auf Bilder. So das Credo. Basierend auf dieser Erkenntnis formuliert auch der Autor Frank Pucher («Das Usability-Prinzip», 2002) den Satz:

Design spielt keine Rolle.

Auch ich habe für meinen Vortrag Texte fürs Web diese These als (rhetorische) Grundlage benutzt.

Gerry McGovern wiederholt die These aus Berufung, wie es scheint. Immerhin gibt er sich kompromissbereit:

It’s not that the look is not important. Just that, on the Web, words come before looks.

Auf die Kritik, er verstehe nichts von professionellem Webdesign, nimmt er die Site eines Webdesigners auseinander und listet – wohl altbekannte – Kritikpunkte auf.

Texte im Web sind von entscheidender Bedeutung, weil sie meist die wichtigsten Informationen enthalten oder darauf hin weisen. Dass auch der Textproduktion und und der Textpflege die nötige Beachtung geschenkt wird, darauf weist Gerry McGovern hin. Und das tut er ununterbrochen und mit glaubwürdiger Kompetenz.

Web-User sind lesefaul

Seit diesem Sommer ist Millionen von Windows-Usern die Löchrigkeit ihres Systems vor Augen geführt worden.

Wer den Blaster.Worm eingefangen hatte, meldete sich bei einer Servicehotline oder suchte auf der Site von Microsoft nach Rat.

Der Software-Riese hatte reagiert und eine 3-Punkte-Anleitung «Schützen Sie Ihren PC» ins Netz gestellt.

Nehmen wir als Beispiel Schritt 2 auf microsoft.com/switzerland. Die Webseite erklärt, wie XP-Benutzer ein Windows-Update durchführen können.

Einen Blaster-Betroffenen leitete ich auf die Seite, mit dem Hinweis, dass er hier nachlesen könne, wie er sein System auf dem aktuellsten Stand halten kann. Der Mann verweigerte und wollte die Informationen von mir hören. Ich sagte, «lesen Sie diese Seite. Es steht alles da.» Es nützte nichts. Er wollte nicht lesen.Woran liegt das? – Die Gestaltung des Textes erschwert die Lesbarkeit.

  • Der Text ist schlecht scannbar.
  • Ein unruhiges Textlayout erschwert die Orientierung
  • Die Schriftgrösse ist auf 11 Pixel fixiert, daher im Internet Explorer nicht veränderbar (skalierbar).

Am augenfälligsten ist die zu kleine Schriftgrösse von 11 Pixeln. Das Schriftbild entspricht dem, was man einmal «Bleiwüste» nannte. 11 Pixel ist zu klein. Diese Meinung vertritt auch der Autor von stichpunkt.de.

Erstens also zu klein. Empfohlen wird mindestens 10 Punkt (pt) (Nielsen, Usability News).

Und zweitens nicht skalierbar. Schriftgrösse deshalb in den relativen Einheiten em, % oder den Werten xx-small bis xx-large oder smaller/larger angeben (W3C).

Es kommt noch schlimmer: Auf dem neuen Security-Portal fixiert Microsoft die Schrift auf 10 Pixel. Wer will das lesen?